Das Risiko der Atomkraftwerke in Belgien – MK 17-16

Im Jahr 2003 hat die damalige Regierung Belgiens den Ausstieg aus der Atomenergie bis 2025 verkündet. In Belgien sind zwei Atomkraftwerke in Betrieb und dieses sind die Anlagen in Doel an der Schelde und Tihange an der Maas. Die Anlage in Doel hat vier Kraftwerkblöcke und bei der Anlage in Tihange sind es drei. Eigentlich sollen oder sollten die Anlagen nur maximal 40 Jahre in Betrieb bleiben, jedoch hat sich der Status bei dem ältesten Reaktorblock 1 von 1970 seit dem Jahr 2015 geändert. Denn eigentlich sollte dieser älteste Reaktorblock am 1. Okt. 2015 abgeschaltet werden. Dieser hat jedoch von der amtierenden Regierung Michel eine Genehmigung über weitere 10 Jahre Betriebszeit durch einen Beschluss vom 4. Juli 2012 erhalten. So soll die Betriebszeit aller Blöcke in Tihange im Jahr 2023 bzw. 2025 enden.

Nun kann man davon ausgehen, dass bei einer Atomkraftanlage, die bereits 40 Jahre in Betrieb ist, etliche Betriebselemente nicht mehr dem neuesten technischen Stand entsprechen und deswegen mit verschleißbedingten Ausfällen zu rechnen ist. Obwohl immer wieder betont wird, dass dies bei den sicherheitsrelevanten Elementen nicht der Fall ist. So schreckte die Öffentlichkeit auf als bekannt wurde, dass die Reaktorbehälter etliche Tausend Haarrisse aufweisen und das in unterschiedlicher Länge. Jedoch hat die belgische Atomaufsichtsbehörde (FANC) ungeachtet dieser Tatsache den weiteren Betrieb im Mai 2013 genehmigt und dieses nicht als gravierendes Sicherheitsrisiko eingestuft. Auch gelangten Informationen über angeblich schon bei der Fertigung entstandene besagte Risse bei den Reaktordruckbehältern an die Presse. Es war ein Verwirrspiel, denn bei neuerlichen Ultraschallprüfungen wurde festgestellt, dass die Anzahl der Risse und ebenfalls die Länge dieser Risse zugenommen haben. Durch die thermische, mechanische und nukleare Belastung im Laufe von 40 Jahren Betriebszeit wäre es natürlich auch denkbar, dass das Material versprödet ist und die erforderlichen Festigkeitseigenschaften nicht mehr besitzt, was jedoch fachlich bei der belgischen Atomaufsichtsbehörde nicht so gesehen wird. Alles wirkte auf die besorgten Menschen nicht unbedingt seriös.

Was sollte man von diesen Aussagen überhaupt halten, denn die Bedenken auch der Umweltschützer konnte man nicht zerstreuen. Denn man muss wissen, dass der Reaktorbehälter sich im Primärkreislauf befindet und während des Betriebes einem Wasserdruck zwischen 154 und 160 bar ausgesetzt ist, damit bei der Erwärmung des Wassers durch die thermische Energie der Brennstäbe kein Dampf entstehen kann. Es sind demnach hohe mechanische Belastungen, die auf den Reaktorbehälter einwirken. Sehr irritierend wirkte die Nachricht, dass das Kühlwasser auf 40° Celsius vorgewärmt wird, um die thermische Belastung möglichst klein zu halten, weil diese sich letztlich auch als mechanische Belastung zeigt. Also war jetzt die Gefahr der Risse im Reaktorbehälter doch größer und wollte man mit dem angewärmten Kühlwasser das System schonen?

Die Öffentlichkeit, die Umweltschützer und auch einige Politiker stuften diese Vorgänge als unkalkulierbares Risiko ein. Anfangs nicht so sehr in Belgien, hatte man zumindest den Eindruck, aber im Umkreis von Aachen wurde man hellwach, denn bis nach Tihange sind es nur 65 Kilometer Luftlinie. Im Falle eines Unfalls ist der Reaktorbehälter sicher kaltem Kühlwasser (Maas) ausgesetzt, was man jetzt tunlichst vermeidet. Was passiert beim Unfall eigentlich, wenn der Reaktorbehälter Schaden nimmt und es zu einem Bruch kommt? Kommt es zum Austritt von radioaktiv verseuchtem Wasser oder gar mehr? Der Reaktorsicherheitsbehälter würde im Fall eines Schadens beim Reaktorbehälter mit einer Million Liter Wasser aus dem Notkühlsystem geflutet, die in einem Speicher bereitstehen. Die Brennstäbe wären inaktiv und nur noch die Nachzerfallswärme würde das Wasser aufheizen, was einer Wärmewirkung von 5-10% des Normalbetriebes entspricht. Nach einer bestimmten Zeit müsste dann dieses Kühlwasser in einen Kühlkreislauf gelangen, um die Nachwärmeabfuhr garantieren zu können. Also doch keine so große Gefahr, die durch einen Reaktorunfall besteht?

Man könnte beruhigter sein, wenn nicht die Informationen über Jodtabletten die öffentliche Runde machen würden. Diese Jodtabletten sind zu einem genau bestimmten Zeitpunkt vor einer sich verbreitenden radioaktiven Wolke einzunehmen, die Schilddrüse dadurch mit Jod (Kaliumjodid) zu sättigen, um die Anreicherung von radioaktivem Jod in der Schilddrüse zu verhindern. Dieses hat das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung ziemlich ramponiert und eher für Unsicherheit gesorgt. Also nicht den maroden Reaktor Tihange aus dem Baujahr 1970 abschalten? Die Jodtabletten sollen es im Falle eines Falles richten? Es hört sich absolut paradox an, was es auch ist. Besser und sicherer wäre es doch, den Reaktor abzuschalten! Für verunsicherte Bürger bedeutet dies auch eine permanente Angst gegenüber eventuell eintretenden Ereignissen bei einem Atomunfall direkt vor der Haustür von Aachen. Ist es also nur Panikmache mit dem vermeintlichen Risiko durch die Haarrisse im Reaktorbehälter? Ist das Risiko durch die Sicherheitseinrichtungen im Atomkraftwerk Tihange wirklich dadurch minimiert und kalkulierbar?

Die Städte Region Aachen hat nun gegenüber dem belgischen Staat eine Klage angestrengt, weil die Bewertung einer Umweltverträglichkeit für die Entscheidung zu einer Laufzeitverlängerung fehlt. Ebenso hat das Land NRW und Rheinland-Pfalz am 9. Februar 2016 eine Beschwerde bei der UN und der EU-Kommission gegen die Laufzeitverlängerung eingereicht.

Die belgische Atomaufsichtsbehörde hat etliche Jahre vorher für die belgischen Atomkraftwerke eindeutige Standards festgelegt, die jedoch nach einiger Zeit konkret nur noch für die Ausführung bei Neubauten von AKW in Belgien gelten sollen. Problem ist, dass es in der Europäischen Union keine klaren Regelungen für die Betriebsausnahmen von Atomkraftwerken gibt. Jedes Land kann es anscheinend so machen wie es das möchte. Ist es wieder eine machtlose Europäische Union wie man es schon ein paar Mal bei anderen Dingen feststellen konnte? Der aktuelle Status bei dieser Angelegenheit zeigt viele Fragezeichen auf und sorgt bei den Menschen in unmittelbarer Nähe des Atomkraftwerkes, aber auch in einem weiteren Umkreis für eine große Unsicherheit und Besorgnis. Wer kann es richten und für Klarheit sorgen? Übrigens, die Brennstäbe für das AKW stammen aus Deutschland, genauer aus dem Ort Lingen (Ems)?! Und beim AKW Doel bei Antwerpen sieht es nicht anders aus, denn dort gibt es auch Laufzeitverlängerungen. Die Verantwortlichen sollten sich vielleicht mehr Gedanken machen und für Aufklärung sorgen!

03.05.2016 – WM

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