{"id":616,"date":"2016-09-12T11:32:07","date_gmt":"2016-09-12T09:32:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.kaleidoskop-aha.de\/?p=616"},"modified":"2016-09-14T11:15:09","modified_gmt":"2016-09-14T09:15:09","slug":"leiharbeit-und-werkvertraege-in-deutschland-mk-36-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kaleidoskop-aha.de\/?p=616","title":{"rendered":"Leiharbeit und Werkvertr\u00e4ge in Deutschland &#8211; MK 36-16"},"content":{"rendered":"<p>Die deutsche Wirtschaft boomt und gl\u00e4nzt dadurch mit der niedrigen Arbeitslosenquote von 6,1%. Mit einer erstaunlichen Exportquote sowie Export\u00fcbersch\u00fcssen ist die deutsche Industrie in einem nicht erahnten H\u00f6henflug und verdient sich so eine goldene Nase. Das leisten in der Hauptsache viele der 43,53 Millionen Erwerbst\u00e4tigen in Deutschland. Die Verdienstbeteiligung f\u00fcr Arbeitnehmer f\u00e4llt allerdings unterschiedlich aus, je nach dem, welchen Beruf man aus\u00fcbt und welche Art Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis in der Bindung zum Arbeitgeber vorliegt. Der \u00fcberwiegende Teil der Besch\u00e4ftigten hat regul\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, die keiner Einschr\u00e4nkung unterliegen und wo der Verdienst stimmt.<\/p>\n<p>Etwas problematischer ist es bei den Arbeitnehmern, die nur einen Zeitvertrag haben und das Ende der Besch\u00e4ftigung absehbar ist. Dieses ist die erste Art von Arbeitsstellen, die den Erwerbst\u00e4tigen verunsichern, seine Eink\u00fcnfte schwankend gestalten und die Lebensplanung negativ beeinflussen. Dabei will oder kann der Arbeitgeber diesen Mitarbeiter nicht fest anstellen und bewegt sich wie ein Kapit\u00e4n auf schwankendem Schiff. Eine wirklich feste Bindung und eine wirkliche Loyalit\u00e4t kann so eigentlich zur Firma nicht entstehen. Die Sicherung des Mitarbeiters mit seiner fachlichen Qualifikation kann bei einer Firma nur die Festanstellung sein, die mit gutem Verdienst den Mitarbeiter bindet. Letztlich macht es sich f\u00fcr die Firma auch bezahlt loyale Besch\u00e4ftigte in der Firma zu wissen. So st\u00f6hnen viele Firmeninhaber dar\u00fcber, nicht die richtigen Mitarbeiter zu bekommen, obwohl sie die dann auch nicht wirklich gut behandeln. Nat\u00fcrlich gibt es diese eine Art Chefs und auch andere Chefs, die nachhaltig Mitarbeiter besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Oftmals ist es f\u00fcr die Erwerbst\u00e4tigen durch die gezahlten Niedrigl\u00f6hne oder Geh\u00e4lter nicht m\u00f6glich, sich zus\u00e4tzlich mit einer privaten Rente abzusichern. Die Altersarmut ist so vorprogrammiert und die Zukunft im Alter sieht d\u00fcster aus. Eine besondere Form eines Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisses ist die gewerbliche Leiharbeit und ebenfalls die M\u00f6glichkeit, sogenannte Werkvertr\u00e4ge abzuschlie\u00dfen. Es ist sicherlich vielfach je nach Leiharbeitsfirma eine Art moderne Sklaverei, die Menschen trotz fachlicher Qualifikation in eine Entlohnung zweiter Klasse zwingt. In Deutschland ist diese Verleihpraxis von Menschen gesetzlich im Arbeitnehmer\u00fcberlassungsgesetz (<strong>A\u00dcG<\/strong>) festgelegt. Dort ist festgelegt, wie lange der Arbeitnehmer an seinem Einsatzort bleiben darf, sehr viel mehr eigentlich nicht. Der Arbeitsvertrag besteht nur mit der Leihfirma und der bietet in besten Fall in der Festanstellung feste Wochenstunden und Urlaub, wobei diese in der Regel von der Normalbesch\u00e4ftigung negativ abweichen. Die Bezahlung entspricht nat\u00fcrlich nicht unbedingt einem Tarifvertrag und liegt deutlich unter der Bezahlung der Stammmitarbeiter einer Firma, wo der Leiharbeitnehmer zurzeit arbeitet, auch wenn er dieselbe Arbeit verrichtet. Es ist ein gravierender Versto\u00df der Gleichbehandlung, welcher vom Gesetzgeber allerdings so gewollt ist und somit auch toleriert wird. Sicherlich ist der Anteil der Leiharbeitnehmer von ca. 1 Million gegen\u00fcber den Gesamtbesch\u00e4ftigen mit 2,3% gering. Wer sich aber einmal in der M\u00fchle der Leiharbeit befindet und das aus unterschiedlichen pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden ist ziemlich geknechtet, obwohl er sich mit seiner Arbeitskraft nicht erkennbar schlechter einsetzt als sein Kollege Stammmitarbeiter an derselben Arbeitsstelle. Es ist so diese Zweiklassengesellschaft in der Arbeitswelt entstanden.<\/p>\n<p>Wer allerdings glaubt, dass Leiharbeit eine deutsche Erfindung ist, der irrt gewaltig. Die Anf\u00e4nge liegen in Amerika um die Zeit von 1948, wo die Zeitarbeitsfirma \u201eManpower\u201c gegr\u00fcndet wurde. In Deutschland beginnen die ersten Aktivit\u00e4ten bereits 1960, wobei das Bundesverfassungsgericht erst das Monopol der Beh\u00f6rden aufheben musste, um so den Zugang der privaten Verleihfirmen zur Zeitarbeit zu\u00a0erm\u00f6glichen. Bereits 1972 entstand das Arbeitnehmer\u00fcberlassungsgesetz, um eine staatliche Kontrolle zu erreichen und praktisch Lizenzen f\u00fcr die Leiharbeitsfirmen zu erteilen. Eine markante Regel legte jedoch damals fest, dass ins Baugewerbe erst einmal keine Leiharbeitnehmer durften. In den Jahren bis 2003 erh\u00f6hte sich per Gesetz die Besch\u00e4ftigungsdauer von Leiharbeitnehmern an einem Arbeitsort der Fremdfirma.<\/p>\n<p>Der \u201eDammbruch\u201c ereignete sich erst in dieser Welt der Leiharbeit im Rahmen der Agenda 2010 mit einer Flexibilisierung des Arbeitsmarktes unter Kanzler Schr\u00f6der im Zusammenwirken mit Wirtschaftsminister Clement. Die Beschr\u00e4nkung der \u00dcberlassungsdauer von Leiharbeitnehmern fiel weg und f\u00fchrte zu einer freien Auslegung der Besch\u00e4ftigung von Leiharbeitnehmern in den Firmen. Nun brachen f\u00fcr Leiharbeitsfirmen praktisch goldene Zeiten an und Firmen konnte ihre Kosten f\u00fcr Mitarbeiter deutlich senken, indem sie ihre Stammbelegschaft reduzierten. So entstanden vielfach aus der Stammbelegschaft noch mehr Leiharbeitnehmer mit nat\u00fcrlich niedrigeren Kosten f\u00fcr die Firma. Kein Wunder also wenn qualifizierte Fachkr\u00e4fte zu etlichen Firmen die Mitarbeiter suchen ein gespaltenes Verh\u00e4ltnis haben. Man degradierte so die Kompetenz und das Selbstwertgef\u00fchl vieler Mitmenschen mit einer Fachausbildung, verbunden mit einer deutlich geringeren Verdienstm\u00f6glichkeit. Klar und eindeutig gesagt betrifft das Beschriebene nicht nur Ausnahmen in diesem besonderen Bereich der Arbeitswelt. Denn urspr\u00fcnglich war Leiharbeit in bestem Sinn nur zum Kapazit\u00e4tsausgleich in Firmen geschaffen worden. Die einsetzende Gewinnmaximierung in etlichen Firmen und der damit verbundene Missbrauch von Zeitarbeit hat erst den Schlund des Pseudoarbeitsmarktes Leiharbeit ge\u00f6ffnet. G\u00fcnstigstenfalls konnte der Leiharbeitnehmer von der Firma, der er gerade seine Arbeitskraft zur Verf\u00fcgung stellte, in ein festes Arbeitsverh\u00e4ltnis \u00fcbernommen werden. Das waren die Aussichten in dieser Art der Besch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p>Nun will es unsere Arbeitsministerin Nahles richten und das <strong>A\u00dcG<\/strong> \u00e4ndern. Proteste in der Vorank\u00fcndigung im November 2015 gab es schon durch Herrn Dulger von Gesamtmetall. Die Lobby hat schon im Vorhinein Einspruch erhoben und gegen m\u00f6gliche Beschr\u00e4nkungen protestiert. Ja, ja, es k\u00f6nnte ja was vom Gewinn durch die Lappen gehen. Jedoch hat sich Gesamtmetall schon immer bei Ver\u00e4nderungen schwer getan und das schon zu Zeiten von Herrn Hundt. Der absolute Turbo-Kapitalismus war noch nie eine gute Grundlage f\u00fcr eine gerechte Gleichbehandlung von Arbeitnehmern und ver\u00e4nderte Sozialstrukturen. Jedoch muss man auch sehen, dass es zwischen 2003 und 2013 Verbesserungen bei der Leiharbeit per Gesetz gegeben hat, aber eben oft nur mit marginalen Auswirkungen auf die Entlohnung der Mitarbeiter.<\/p>\n<p>Der neuerliche Entwurf von Frau Nahles zum Arbeitnehmer\u00fcberlassungsgesetz sieht vor, dass nach 9 Monaten der Leiharbeitnehmer wie der Stammarbeitnehmer zu entlohnen w\u00e4re und nicht erst nach 12 Monaten ohne \u00dcberstunden. Abweichungen sollen aber durch Tarifvertr\u00e4ge m\u00f6glich sein. Es sei der Grundsatz zu Equal Pay festzulegen, allerdings mit der tariflichen \u00d6ffnungsklausel. Mitnichten ist so eine Wende der Zweiklassenentlohnung einzuleiten. Weiterhin m\u00fcssen also so Menschen ihre Arbeit in Vollzeit verrichten, ohne wirklich Vollzeitl\u00f6hne zu erhalten. Es wird dann auch weiterhin so sein, dass 5,7% der Leiharbeitnehmer wie 2015 Harz IV beziehen m\u00fcssen. Es wird dann auch weiterhin so sein, dass es Lohnzusch\u00fcsse zur Leiharbeit an Arbeitgeber gibt. Es wird auch weiterhin so sein, dass eine Altersarmut f\u00fcr viele Leiharbeitnehmer schon so gut wie sicher festliegt.<\/p>\n<p>Die sich an die Nase packen m\u00fcssen sind die Inhaber oder\u00a0die Verantwortlichen\u00a0von Betrieben der Metall- und Elektroindustrie (36%), dem Maschinenbau (11%) und dem Fahrzeugbau (10%), die Menschen als Fachkr\u00e4fte von Leiharbeitsfirmen dauernd besch\u00e4ftigen. Wenn es irgendwie m\u00f6glich ist, sollten Firmen nur loyale Stammmitarbeiter haben, die leistungsgerecht entlohnt werden. Zugegeben, ja, das ist reines Wunschdenken von mir, aber toll w\u00e4re es schon. Man muss sich wohl grunds\u00e4tzlich die Frage stellen, wie der Anspruch auf Arbeit im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auszulegen ist. Nat\u00fcrlich steht auch vieles andere im Grundgesetz und\u2026\u2026..<\/p>\n<p>Bei den wirklich &#8222;tollen&#8220; Werkvertr\u00e4gen wird eine einzelne Arbeitnehmer\u00fcberlassung unterlaufen. So kauft dann ein Unternehmen (Leihfirma) eine ganze Arbeitsleistung ein. Es ist die totale Abkoppelung von der realen Arbeitswelt verbunden mit der verbindlichen Auslieferung der Arbeitnehmer an die Festlegungen der Leihfirma, wo sie besch\u00e4ftigt sind. Auch da will die Regierung nun nachbessern und zwar mit Kriterien f\u00fcr die Abgrenzung zu normalen Arbeitsverh\u00e4ltnissen, festgeschrieben in einem Gesetz. Au\u00dferdem soll es eine Informationspflicht f\u00fcr den Betriebsrat geben, die bis jetzt nicht besteht. So soll durch Transparenz der Missbrauch von Werkvertr\u00e4gen per Gesetz eine Eind\u00e4mmung erfahren und das\u00a0unter der Obhut von Arbeitsministerin Nahles. Da kann man den Entscheidern wirklich nur ein frohes Schaffen w\u00fcnschen. Vielleicht merkt es ja jemand in der \u00d6ffentlichkeit, dass sich etwas zum Positiven ver\u00e4ndert, denn die Nachfrage nach Fachkr\u00e4ften steigt.<\/p>\n<p>12.09.2016 &#8211; WM<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die deutsche Wirtschaft boomt und gl\u00e4nzt dadurch mit der niedrigen Arbeitslosenquote von 6,1%. Mit einer erstaunlichen Exportquote sowie Export\u00fcbersch\u00fcssen ist die deutsche Industrie in einem nicht erahnten H\u00f6henflug und verdient sich so eine goldene Nase. 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